CONNECT People - Blog aus Chile

2.12.2019 - Abschied und Mitbringsel für zu Hause

© Fraunhofer EMFT
Ein kleiner Einblick in das Biolabor

Abschlusspräsentation der Projektergebnisse, Organisation des Rückversands der Versuchsaufbauten und letztes Mittagessen mit den Kolleginnen und Kollegen aus dem Biolabor. So geht diese letzte Woche meines Chile-Aufenthaltes doch schneller zu Ende als erwartet. Und welches Resümee ziehe ich nach den vergangenen Wochen? Was bedeutet diese investierte Zeit im Nachhinhein für unsere Forschungszusammenarbeit zwischen Deutschland und Chile, für den Fortschritt meiner Dissertation und für mich ganz persönlich?

Es wäre nicht die optimale Zeit gewesen, Chile zu besuchen. Fast schon entschuldigend erwidern mir das Taxifahrer, Brotverkäufer oder Kellner, nachdem sie sich nach dem Grund meines Aufenthalts in Santiago erkundet haben. Es stimmt, ich konnte einige Sehenswürdigkeiten nicht besuchen, bestimmte Museen waren leider geschlossen. Dennoch lernte ich wohl mehr über Chile als zu einer anderen Zeit. Die sozialen Unruhen ließen einen Blick hinter den perfekten Glanz der florierenden Wirtschaft Chiles zu. Es war ermutigend zu sehen, wie Menschen näher zusammenrückten. Gegenseitige Fürsorge und Unterstützung begleitete den Alltag. Vor meinem Abflug war ich noch voll großer Erwartungen, das Land der Gegensätze und Lebendigkeit kennen zu lernen. Ich kann nicht sagen, darin enttäuscht worden zu sein.

In der Vorbereitung einer kleinen Ansprache an meine Kolleginnen und Kollegen am Fraunhofer Center für Systeme der Biotechnologie (CSB), die mich zwei Monate lang in der Arbeit im Labor begleitet haben, sind mir zwei Dinge aufgefallen. Zum einen wurde mir klar, dass es mir nicht gelungen ist, mein spanisches Vokabular signifikant zu erweitern. Begriffe wie "gas lacrimogeno" oder "manifestacion" werden mir beim nächsten Mallorca-Urlaub wohl kaum eine große Hilfe sein. Die zweite Erkenntnis betrifft meine Rolle als Kollege an der Fraunhofer EMFT. Wie kann ich die Herzlichkeit und die Freude an der Arbeit in der Art personifizieren, wie sie mir am CSB begegnet sind? Diese Kultur würde ich gerne am Arbeitsplatz zuhause weiterpflegen. In eben jener Abschiedsansprache habe ich aber versprochen, in Deutschland kein Wort über freitägliches Tanzen im Labor verlauten zu lassen. Das bleibt meinen Kolleginnen und Kollegen also zumindest mal erspart.

Für unser gemeinsames Forschungsprojekt war der Aufenthalt natürlich ein Beschleunigungsvorschub höchsten Grades. Das Konzept für die Erarbeitung eines Demonstrators steht, die Erkenntnisse aus den Tests sind eingearbeitet. Es fühlt sich an, als könne einem erfolgreichen Abschluss nichts mehr im Wege stehen (und auch die Dissertation freut sich über neue Anregungen und Ergebnisse).

Zwei Monate Chile, so kurz und doch so eindrucksvoll. Zwei Monate Fraunhofer-Modell erleben in einem Setting, das sich überraschenderweise nur in wenigen Dingen von unserem gewohnten Mitteleuropa unterscheidet (es ist in Teilen vielleicht unberechenbarer). Ich bin dankbar, für diese Zeit ein Teil von Fraunhofer Chile gewesen sein zu dürfen, ich hoffe, dass sich unsere Kooperation in Zukunft weiter intensiviert und wünsche dem CSB weiterhin Erfolg dabei, das Fraunhofer Modell in Chile zu leben.

21.10.2019 - Es viernes y mi cuerpo lo sabe

© Fraunhofer
Impressionen aus Chile

Wenn es in Chile so etwas wie Schlager gibt, dann ist dieser Titel wohl der meistzitierte. Das trifft zumindest für einen bestimmten Wochentag und für die Gruppe der arbeitenden Bevölkerung zu. Freitags ist die Stimmung im Büro besser denn je.

Woran merkt man, dass man an einem Ort angekommen ist? Ich merke es an diesem Freitag daran, dass es mir Spaß macht, was ich gerade tue. Ich habe Freude daran, hier im Labor des CSB Experimente durchzuführen (was zugegebenermaßen auch daran liegt, dass ich die vergangenen drei Wochen damit verbracht habe, diese mit allerlei Vorbereitungen möglich zu machen). Ich habe Freude daran, mit den Kollegen auszutauschen, wer das bessere Bier braut, Chilenen oder Deutsche und am Überraschendsten für mich, ich habe Freude daran, das in der spanischen Sprache zu tun und jedes einzelne der wenigen Worte, die mein spanisches Vokabular bisher hergibt, auszupacken. Freitag, das ist ein guter Tag und Freitag, das bedeutet auch, dass ich mich entscheiden muss zwischen Laptoptasche und Wanderschuhen (Sorry Dissertation, leider nein).

Gute Entscheidungen zu treffen, darauf kam es in den ersten Wochen an. Ein Beispiel: Sich zwischen halb 8 und 9 Uhr, beziehungsweise 17 und 19 Uhr auf den Arbeits- bzw. Nachhauseweg begeben ist keine gute Entscheidung. Nicht überall in Santiago funktioniert der Verkehr, der sich in den letzten Jahren zwar durch den Ausbau der öffentlichen Nahverkehrsmittel erheblich verbessert hat, es existieren jedoch immer noch Flaschenhälse, an denen sich zu Stoßzeiten lange Staus bilden. Also stehe ich doch um 6 Uhr auf, um wenigstens eine Stunde morgens mit den Liebsten daheim verbringen zu können, bevor ich mich auf den Weg in die Arbeit mache. Das Fraunhofer CSB liegt im Norden der Stadt exakt an so einem Flaschenhals.

Also der Verkehr ist chaotisch, aber dafür ist die Aussicht auf die umliegenden Berge sehr hübsch.

Was habe ich im ersten Blog geschrieben? Das Land der Gegensätze und der Lebendigkeit? So habe ich die Hauptstadt des Landes tatsächlich auch kennengelernt. Einer dieser Gegensätze spiegelt sich aktuell im Tagesgeschehen wieder. Nachdem die Regierung eine Erhöhung der Ticketpreise für die Metro verkündet hat, kommt es im Zentrum der Stadt an diesem Wochenende zu Demonstrationen und Ausschreitungen. Den Demonstranten geht es nicht nur um die Metro, es geht ihnen um steigende Kosten in allen Bereichen des Lebens (der Bildung, des Wohnens, der Rente, der Lebenshaltung). Viele Ressourcen, die zur Grundversorgung gehören sind privatisiert, z.B. Strom, aber auch Wasser. Santiago ist eine Stadt mit steigenden Lebenshaltungskosten. Die Löhne und die politischen Wegweisungen ändern sich jedoch kaum. In meinem Feriendomizil im Osten der Stadt bekomme ich davon wenig mit. Meine Sorgen drehen sich darum, ob am Montag die Busse wieder fahren, damit ich in die Arbeit komme.

Ich singe an diesem Freitag: Es viernes y no se como llegar a trabajar el lunes. Ich weiß, es wird dem Ernst der Lage nicht gerecht, aber für mehr reicht mein Spanisch aktuell noch nicht aus.

Update: Am Montag arbeiten wir tatsächlich erstmal alle von zu Hause und warten ab, wie sich die Lage weiterentwickelt. Der lokale öffentliche Nahverkehr mit Bussen scheint trotz anhaltender Demos in einigen Teilen der Stadt zu funktionieren. Trotzdem können viele Menschen nicht zu ihren Arbeitsplätzen anreisen. Am Flughafen und an den Busbahnhöfen des Fernverkehrs fallen deshalb viele Verbindungen aus. Eine Entspannung ist gegenwärtig nicht in Sicht. Wie nehme ich die Situation im Moment wahr? Ich höre Sirenen und Hubschrauber, den Lärm der Cacerolazos höre ich nur aus der Ferne (Cacerolazo, der Demonstrant der seinen Unmut durch Erzeugen von Lärms mithilfe von Küchenutensilien Ausdruck verleiht). Die Bilder der Demonstrationen sehe ich im lokalen Fernsehen. Hier, bei den Bewohnern im Osten der Stadt, treffe ich auf Unverständnis. Unverständnis für die Gewalt einiger Demonstranten, aber auch Unverständnis für die Reaktion der Regierung.

25.9.2019 - Die Vorbereitungen laufen

© Fraunhofer
Matthias Steinmaßl mit seiner Ausrüstung

Letzte Woche habe ich mir für die Reise nach Chile meinen "Lappen" abgeholt. Um dort ein Auto fahren zu dürfen, benötigt jeder Ausländer zusätzlich einen internationalen Führerschein nach dem Pariser Abkommen von 1926. Es sind nur 18 Staaten, in denen der neue internationale Führerschein noch nicht gilt, darunter der Vatikanstaat, in dem es vermutlich kaum mehr Automobile als das Papamobil gibt. Dass ich nochmal in den Besitz des grauen ledernen Führerscheins komme, hat etwas Nostalgisches an sich. Dabei breche ich in ein Land auf, das wie kein Zweites für den Aufbruch in die Moderne steht. Bis 2050 will Chile die Klimaneutralität erreichen, in keinem Land wächst der Ausbau der emissionsfreien Energien so stark und das ohne staatliche Subventionen. Chile profitiert dabei natürlich von seinem Wasserreichtum und den vielen Wüstengebieten, in denen gerade unzählige dezentrale Photovoltaikanlagen entstehen. Erwähnenswert ist aber auch, dass das Land einen wachsenden Anteil der Solarmodule selbst entwickelt und fertigt, um den Einsatz in Gebieten mit extremen Temperaturen und regelmäßigen Sandstürmen zu ermöglichen. Daran arbeiten übrigens auch Fraunhofer-Kollegen am Center für Solarenergietechnologien (CEST) in der Hauptstadt Santiago.

Was ich genau in Chile machen werde - diese Frage versuche ich kurz vor meiner Abreise mit einer Analogie aus der Automobilindustrie zu beschreiben. Hochzeit wird der Zeitpunkt genannt, bei dem der Motor in die Karosserie eines Wagens eingesetzt wird. Eine ähnliche Verheiratung steht im Projekt BioPat (Fraunhofer IME, CSB und EMFT) an, in dem international und interdisziplinär an einem Schnelltest für Viren versursachte Pflanzenkrankheiten geforscht wird. Am Fraunhofer Center für Systeme der Biotechnologie (CSB) in Santiago de Chile wurden die Gene von Viren, die Weinpflanzen befallen, entschlüsselt und ein biochemischer Nachweis für jene entwickelt. Parallel dazu entwickelten Technologen am Fraunhofer EMFT in München ein Sensorsystem, um diesen biochemischen Prozess elektronisch auszuwerten.

Die Sensoren sind im Gepäck, der Lappen auch. Jede Menge Kleinkram und Ersatzteile, die ich als Elektrotechniker in einem Biochemielabor vermissen werde, müssen noch ihren Platz im Koffer und den Weg durch den Zoll finden. Was ich zollfrei einführen darf, sind die Ideen und Experimente, die ich mit den Kollegen in Santiago geplant habe. Dafür musste ich nur eine Exportkontrolle durchführen.

Ich melde mich bald aus dem Land der Gegensätze und der Lebendigkeit (so schreibt die chilenische Tourismusbehörde).