Presseinformation

20 Jahre Handlötkurse für Behindertenwerkstätte

10.9.2018

Eine ganz besondere Schulung des Zentrums für Verbindungstechnik in der Elektronik ZVE feierte diesen Sommer ihr 20-jähriges Jubiläum: 1998 gab ZVE-Trainer Günter Paul den ersten Kurs zum Thema „Einführung in die THT Handlöttechnik“ in der Behindertenwerkstätte des Heilpädagogischen Centrums Augustinum (HPCA) in München.

© Fraunhofer EMFT / HPCA

Die Teilnehmenden des diesjährigen Kurses mit ihren selbst gelöteten Smileys

Seitdem unterweist der erfahrene Trainer Mitarbeitende des Werkstattbereichs Leiterplattenbestückung einmal jährlich in der Kunst des Handlötens – einer Aufgabe, die eine ruhige Hand, höchste Konzentration und absolute Präzision erfordert. „Für Menschen mit einer körperlichen oder geistigen Behinderung ist das noch einmal eine ganz andere Herausforderung als für einen vollständig gesunden Menschen“, sagt Paul. Bei der ersten Schulung war ihm schon nach wenigen Minuten klar, dass er sein Schulungskonzept etwas abwandeln muss: „Ich benötige für die einzelnen Teilnehmer viel mehr Zeit, um ihnen zum Beispiel zu erklären, wie sie den Lötkolben richtig halten und wie sie beide Hände gleichzeitig an die Lötstelle bekommen“, so Paul.

Geduld und Engagement haben sich über die Jahre ausgezahlt: Nach und nach konnte Paul die Schulungsinhalte anspruchsvoller und umfangreicher gestalten. Im Jahr 2010 entwickelte das ZVE eine eigene Leiterplatte für die Praxiskurse, die HPCA Werkstätten übernahmen deren Herstellung in Eigenregie. Einige von Pauls langjährigen Schützlingen sind heute in der Lage, selbstständig Lötstellen herzustellen und weisen ihren Trainer auch schon einmal freundlich darauf hin, wenn er selbst einen Fehler macht. Ein Erfolg, der beide Seiten motiviert. „Über die Jahre gesehen konnte ich bei unseren Mitarbeitenden einen deutlich messbaren Zuwachs an Fähigkeiten im Bereich Löten feststellen“, freut sich Joachim Michalik, Leiter der Elektronikgruppe am HPCA.

„Die Kooperation mit dem HPCA hat für die EMFT einen ganz besonderen Stellenwert und mir liegt es sehr am Herzen, dass wir Schulungen auch in Zukunft in guter Tradition weiterführen können“, sagt Prof. Christoph Kutter, Direktor der Fraunhofer EMFT. Als „Jubiläumsgeschenk“ übernahm die Forschungseinrichtung diesmal die gesamten Kurskosten. Auf dem Programm standen das Handlöten elektronischer Baugruppen in den verschiedenen Technologien. Am Ende des Tages konnten die Kursteilnehmenden einen selbst gelöteten Smiley mit nach Hause nehmen.

"Können die das?"

ZVE-Trainer Günter Paul und Joachim Michalik, Leiter der Elektronikgruppe am HPCA, über ihre langjährige Kooperation und die Arbeit mit Menschen mit Behinderung.

Herr Paul, was macht die Arbeit am HPCA für Sie zu etwas Besonderem?

Paul: Ich kann mich noch gut an meine erste Schulung an den HPCA-Werkstätten erinnern. Ich wollte die Schulung durchführen, wie ich es gewöhnt war, aber schon nach 10 Minuten wurde mir bewusst, ich muss mich umstellen. Durch die Arbeit mit den Menschen mit Behinderung habe ich gelernt, jeden Arbeitsschritt genau zu zeigen, zu erklären und durchführen zu lassen. Dabei sind die Kursteilnehmenden ungemein motiviert und bemüht. Einmal brachte mir einer meiner Schützlinge eine Tafel Schokolade mit, mit der Begründung er hätte am Vortag nicht gut gearbeitet und wolle sich bei mir entschuldigen. Solche Situationen gehen einem wirklich zu Herzen.

Warum ist die jährliche Schulung so wichtig?

Michalik: Als Gruppenleiter im Bereich Leiterplattenbestückung ist meine Erfahrung, dass wir als Werkstatt für behinderte Menschen von Kunden zunächst oft äußerst kritisch beäugt werden. Da steht die Frage im Raum: „Können die das?“ Deshalb ist es für uns besonders wichtig, unseren Kunden und Kundinnen einen hohen Qualitätsstandard zu bieten. Eine tragende Säule der Qualitätssicherung ist die Zusammenarbeit mit dem ZVE. Dabei beweist Herr Paul immer wieder großes Einfühlungsvermögen und herausragende sonderpädagogisch-didaktische Fähigkeiten. Die Teilnahme an den Kursen ist für die behinderten Beschäftigten deshalb ein Highlight, dem sie jedes Jahr freudig entgegensehen.

Paul: Mit der Zeit hat sich zwischen allen eine Freundschaft gebildet und jedes Mal, wenn ich heute bei HPCA bin, begrüßen mich die Beschäftigten schon von weiten. Ich sehe meine Arbeit bei den Kolleginnen und Kollegen am HPCA als sehr wichtig an. Die Schulungen sind zwar anstrengend, aber dafür haben wir wahnsinnige Erfolge zu feiern. Wir sehen aber auch – und das ist bei Menschen ohne Handikap übrigens nicht anders – dass eine regelmäßige „Auffrischung“ der Kenntnisse wichtig ist, um den erreichten Standard zu halten oder idealerweise zu verbessern. Die 20 Jahre haben sich bisher voll rentiert und ich hoffe, dass wir noch einige Jahre dranhängen können.

© Fraunhofer EMFT / HPCA

Beim Löten sind höchste Konzentration und Präzision gefordert